„Was kümmert mich die dumme Gesellschaft?“ – Eine Kritik zu „Nora“

Nicht nur Let’s Play hat letzte Woche aufgeführt, sondern auch die Theaterschmiede brachte ihre Interpretation von Ibsens Nora oder Ein Puppenheim auf die Bühne. Wie Andi die Interpretation des feministischen Klassikers von 1879 fand, könnt ihr hier lesen.

Nora Helmer (gespielt von Nora Spankeren…ja, ich finde es auch witzig) führt ein furchtbares Leben. Das erkennt man bereits an ihrem Wohnzimmer. Beim Betreten der Kulturcafete wird man erschlagen von rosa Vorhängen, einem rosa Tepich, rosa Sitzkissen und Beistelltischen. Natürlich sind es verschiedene Rosatöne. Und obwohl es vielleicht etwas übertrieben scheint, kann man an dieser Bühne ableiten, wie das komplette Stück unter der Leitung von Helena Elverfeldt inszeniert und interpretiert wurde.

Zunächst bemerkt man an Einrichtungsgegenständen wie einem Plattenspieler dass die Handlung circa 60 Jahre in die Zukunft transportiert wurde. Spätestens als Nora ihrem Mann Torvald (Emmanuel Loe) eine brandneue Aretha-Franklin-Platte schenkt, ist dies offensichtlich. Im weiteren Verlauf der Aufführung werden auch Jeans getragen und Rock’n’Roll getanzt. Die Entscheidung, das Ganze zeitlich zu verschieben, gefällt mir persönlich gut. Zum einen ist quasi nichts über die Optik, das Feeling und alles andere in Norwegen um 1880 bekannt. Aber auch über das damals vorherrschende Frauenbild weiß die Allgemeinheit nichts, während man von den 50ern doch ein relativ klares Bild hat. Auch ermöglicht es den gelegentlichen Einsatz von Musik: Einmal singt Frank Sinatra über Geld und die vorher schon erwähnte Arteha Franklin fordert Respekt. Die Lieder passten sehr gut zur Stimmung und wurden geschickt integriert, auch wenn diese Integration vielleicht einen Tick zu subtil war. Dass Nora erschrickt, als Frank Sinatra „all about the money“ singt, ist nach meiner Umfrage so gut wie niemandem aufgefallen und auch dass Torvald eine Liedzeile von Franklin zitiert (R-E-S-P-E-K-T) geht unter. Aber ich liebe solche Details. 

Des Weiteren lassen die Bühne und die verwendeten Requisiten auf sehr viele Ideen und ein großes Maß an Kreativität schließen, deren Ansätze aber leider nicht immer vollständig und konsequent verfolgt wurden. Zum Beispiel finde ich den Einfall, Noras Kinder mit tatsächlichen Puppen darzustellen, genial. Leider wurde hier aber das ganze Konzept nicht weiterverfolgt. Sind Noras Kinder wirklich Puppen und jeder tut einfach ihr gegenüber so, als würde man es nicht bemerken? Ist auch Torvald wahnsinnig oder vielleicht sogar alle Figuren im Stück? Oder sollen es wirkliche Kinder sein (die man natürlich nicht auf die Bühne bringen kann)? Hier hätte ich mir etwas mehr Thematisierung gewünscht, andererseits kann man natürlich auch argumentieren, dass das Offenlassen Diskussionen und die Fantasie anregt. Ein weiteres Beispiel für nicht ganz konsequente Umsetzung sind verwendeten Vorhänge. Die Idee ist wirklich gut und es funktioniert gut, hier grässlich rosafarbene Vorhänge zu verwenden. Aber leider reichen diese nicht ganz bis zum Boden, sodass man einen kleinen Streifen zwischen Boden und Vorhang erkennen kann. Für einen sehr großen Anteil der Zuschauer mag dies überhaupt nicht störend sein oder gar nicht auffallen, aber manche Menschen reiben sich an so etwas. Genau wie bei den Vorhängen hätte ich mir noch an ein paar Stellen einen Tick mehr Aufwand gewünscht um alles konsequent zu Ende zu denken. So wurde zum Beispiel die Rolle des Hausmädchens mit einem Mann (Albrecht Bodelschwing) besetzt. Und obwohl dieser seine Rolle sehr gut darstellte und oft für Comic Relief sorgte, war es doch komisch, dass dann wiederum die Rolle des männlichen Doktor Ranks von Helena Brauchtisch gespielt wurde. Auch war es verwirrend, dass die Rolle von Krogstadt, im Original ein Mann, hier zu einer Frau umgeschrieben wurde. Vera Glaser war in dieser Rolle eines der großen schauspielerischen Highlights des Stückes, verwirrt hat es aber dennoch.

Die Bühne wirkte sehr vollgepackt, fast etwas unangenehm eng. Ein Effekt, der im Schauspiel prima genutzt wurde und einige gewollt unangenehme Szenen produzierte. Aber mindestens genauso vollgepackt war auch das Stück an sich, mit allen Vor- und Nachteilen. An sich ist die Handlung des Stückes durchaus interessant, hat aber praktisch gesehen die große Gefahr, schnell langweilig zu werden. Denn unterm Strich passiert nichts, außer dass ein paar Leute in einer Wohnung sitzen und sich unterhalten. Keine Szenenwechsel, keine Action. Trotzdem fühlte ich mich aber durchgehend unterhalten oder mitgerissen. Dies lag vor allem an dem wirklich äußerst überzeugenden Schauspiel von Nora und an den geschickt in die Handlung gestreuten Gags. An einer Stelle fand ich aber die Gags doch zu ablenkend: Während eines Gesprächs zwischen Nora und ihrer Jugendfreundin Christine Linde (Lusie Zailer) versucht das Hausmädchen sehr nachdringlich, den beiden Schönheitsmasken anzulegen. Und obwohl dies ganz witzig war, lenkte es mich so ab, dass ich von dem Gespräch nichts mehr mitbekam. Aus einem anderen Grund konnte ich dem Ende des Theaters nicht mehr folgen: Er war zu lang, zu vollgepackt eben. Das ganze Stück dauerte fast drei Stunden, was an sich aber noch kein Grund für Kritik ist, zumindest meiner Meinung nach. Problematisch wird das aber vor allem gegen Ende des Stücks: Während des Schlussdialoges zwischen Nora und ihrem Mann war ich so erschöpft, dass ich mir kurze Gesprächspassagen gewünscht hätte. Stattdessen zieht sich die Szene äußerst lang, so dass ich ihr vermutlich sogar am Anfang des Stückes nicht komplett hätte folgen können. Was wirklich schade ist, da sowohl die Message als auch die schauspielerische Leistung wirklich mitreißend waren. Ich verstehe die Entscheidung, bei einem Autor wie Ibsen möglichst wenig am Text zu ändern, da es viele Risiken mit sich bringt. Beim nächsten Mal darf man hier aber durchaus mutiger sein.

Und zum Abschluss erkennt man an der Bühne Folgendes: das Ganze ist nicht 100% ernst zu nehmen und ist oft bewusst überzogen. Genauso wie Noras Zimmer nicht einfach rosa ist, sondern diese Farbe einem förmlich ins Gesicht geschlagen wird, so ist Torvald nicht nur ein Arschloch, sondern die Quintessenz eines widerlichen Sexisten. Auch bei Kostüm und Schminke wurde stark übertrieben. Alte Menschen hatte massive dicke Falten und ein Outfit, das sexy wirken sollte, hatte selbst dafür einen Knopf zuviel offen.  Dieses Prinzip galt für fast alle Aspekte des Stückes und ich liebe es. Zwar gab es einige Momente, in denen das Ganze zu viel wird und etwas lächerlich wirkt, aber für mich ganz persönlich war das irgendwie notwendig. Wie bereits erwähnt, können Ibsens Stücke leicht langweilig werden. Dass hier das Mittel der Übertreibung gewählt wurde, um dem entgegenzuwirken, finde ich sehr geschickt. Dass die Aussage des Stückes und der Feminismus für viele etwas darunter leidet, ist schade, aber ich finde, dass Übertreibung oft Missstände besser aufzeigen kann, als es eine realistische Darstellung tut. Natürlich kann man Feminismus etwas weniger „in your face“ darstellen, als mit einem Video, in dem eine Frau mit einem Vorschlaghammer diverse sexistische Statuen zerstört, cool finde ich es aber trotzdem. Hier kann man aber definitiv diskutieren und ich verstehe Leute, denen die zum Teil an Monty Python erinnernden Übertreibungen und Gags zu viel waren.

Abschließend habe ich den Abend sehr genossen. Meine Befürchtungen, dass das Stück zu langweilig werden würde, wurde nicht bestätigt. Ich war stehts interessiert, wie es weitergeht. Auch das Schauspiel habe ich sehr genossen. Highlight war hier für mich Nora Spankeren, deren rauchige Stimme irgendwie perfekt zum Charakter passte. Auch Emmanuel Loe konnte viele Akzente setzten und die sexistischen und widerlichen Momente seiner Figur waren wunderbar ekelerregend. Von Vera Glaser hätte ich sehr gerne noch mehr auf der Bühne gesehen  und auch Luise Zailer hatte Momente, in denen sie mich wirklich überzeugen konnte. Ich hoffe sehr, Nora oder Ein Puppenheim war nicht das letzte Stück der Theaterschmiede!

 

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

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