Weg von Kölle Alaaf hin zu Kolba Hoch Verio! – Meine alemannische Fasnet (nicht Fasching!)

„ Ets gohts rund – dr Burgnarr kunnt“ , „Wona? – Int Höll`na!“ , „Narri! – Narro!“ , hoißt es soit Dreikenig wieda auf de Stroße im Schwoabaländle. Tausend Leit stond am Straßenrond während Mäschgele (Hästräger) mit ihren handgschnitzen Larven aus d`gonzen Gegnd auf d`Stroß umenandspringet. D`Hexen mochet Pyramiden, d`Wilde Männer klauet oim di Kappn und di Narren bwerfen d`Kind mit Guetzle. „Fasching hat wieder begonnen, oder?“, frogt n Reigschmeckter. Drei Einheimsche muss ma zrick hebe, s Bier fliegt scho durch Gegnd, Sirene ka ma scho here: „Des hoißt Fasnet hia, du Seggel!“. 

Immer wieder habe ich mich gefragt, woher die alemannische Fasnet eigentlich kommt, die jedes Jahr in meiner Heimat gefeiert wird. Wie ihr vielleicht wisst, komme ich ja aus dem schönen Schwoabaländle und heute möchte ich euch einen Teil meiner Kultur näherbringen.


Zuerst eine kleine Übersetzung: Häs, im Plural Häser, ist das traditionelle Kostüm der Narren, das oft etwas mit dem Dorf oder der Region zu tun hat, aus dem sie kommen. Das Häs wird deshalb natürlich nicht jedes Jahr gewechselt, sondern oftmals über Generationen weitervererbt Dazu gehört die Larve, die meistens eine handgeschnitzte Holzmaske ist, in manchen Fällen jedoch aus Stoff, Plastik oder Draht hergestellt wird. Die freundliche Larve des Narren soll im übertragenen Sinne die bösen Absichten eines Menschen verstecken, daher kommt tatsächlich auch der Begriff „einen Verbrecher entlarven“.

Um die Gegenwart zu erklären, muss man sich jedoch erstmal mit der Vergangenheit befassen. Fragt man einen stolzen Hästräger nach dem Entstehen der Fasnet, so erzählt er einem mit Freuden die Geschichte von den germanischen Heiden im Bodenseeraum. Die sogenannten Alemannen, die damals noch an Dämonen glaubten, wollten mit ihrem Feiern, den gruseligen Geistermasken und Teufeln sowie auch mit dem fröhlichen Narren den Winter austreiben und den Beginn des Frühlings feiern. Das ist der Ur-Ursprung unserer Fasnet. Wie so oft mischte sich jedoch die Kirche nach einiger Zeit ein und fand die Feiereien zu unchristlich. Statt dem Winter sollte nun der Teufel vertrieben werden. Ironischerweise kamen nun immer mehr Teufelsmasken und Wilde-Männer-Kostüme zu den Feiereien, um den Teufel mit eigenen Teufelsfiguren fortzutreiben. Diese sind heutzutage immer noch beliebte Häser.


Diese Art von Festen geriet doch schon bald in Vergessenheit. Die zweite Wurzel der Fasnet ist auch tief mit dem Christentum verwachsen. Vor dem Beginn der Fastenzeit feierten vor allem die Handwerker in vielen Regionen Feste, um ihre verderblichen Lebensmittel aufzubrauchen. Fleisch, Milchwaren, Alkohol und Süßes wurden genüsslich und verbunden mit großen Feiern verzehrt, sehr zum Missfallen der Kirche. Aus Trotz griff das Volk nun vor allem auch auf die alten heidnischen Häser zurück, den Narren und auch den Teufel. Die sechs Tage von Altweiberfasnacht bis Aschermittwoch waren die Haupttage der Feste und werden bei uns immer noch „Hauptfasnet“ genannt, in der an jedem Tag ein Umzug und große Feiern stattfinden. Daher kommt auch der Begriff „Fasnet“, beziehungsweise Fas(t)nacht. Fasta aus dem Althochdeutschen für Fastenzeit und naht meint Nacht oder Vorabend, also vor der Fastenzeit. 

Während der Reformation wurden alle Fasnetstraditionen jedoch unterbunden. Erst mit dem aufstrebenden Bürgertum im 19. Jahrhundert wurde die Fasnacht romantisch von den Bürgern aufgegriffen und der Karneval in Köln entstand. Tradition war Vergangenheit: Es geht beim Kölner Karneval vor allem um Politik, damit sich die Bürger auf lustige Art und Weise Gehör verschaffen können. Im Südwesten Deutschlands, also dem Schwäbisch-Alemannischen Raum, schlossen sich die Handwerker wieder zusammen, die sich von den politischen Bewegungen der Bürger ausgeschlossen fühlten und besannen sich auf ihre alte alemannische Tradition zurück. Häser aus dem Familienbesitz wurden aus alten Kisten hervorgekramt, neue Häser wurden genäht, mit Farben und den Figuren ihrer Dörfer. Es wurde sich an alte germanische Figuren gehalten, den Teufel, den Narren, den Wilden Mann. Und wie in altem Brauch wurde wieder auf der Straße marschiert und von Dreikönig bis Aschermittwoch gefeiert.
Nach dem alljährlichen Maskenabstauben an Dreikönig gibt es jedes Wochenende 2-3 sogenannte Umzüge, Ringtreffen und Ausflüge. Ab dem Donnerstag vor Aschermittwoch kommen dann jeden Tag ein bis zwei Umzüge auf einen zu und am Dienstagabend dann der Kehraus oder ein Narrenvergraben.


Um die Narrenvereine zu organisieren wurden Narrenvereinigungen gegründet. Eine der ersten war die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), zur Pflege und Bewahrung des Brauchtums bei den stetig wachsenden Narrenzünften. Da die VSAN jedoch relativ strenge Auflagen hat und vor allem junge Zünfte kaum aufgenommen werden, schloss sich der Alemannische Narrenring (ANR) zusammen, bei dem auch meine Zunft Mitglied ist. Ziel des Verbandes ist vor allem die Koordination der Umzüge, Beseitigung der nicht zur alemannischen Fasnacht gehörigen Unsitten, die Klärung von Versicherungs- und Rechtsfragen; alles, um zusammen alemannische Fasnet zu feiern. Die Mindestanforderungen an eine Zunft für den Beitritt zum ANR sind zwar geringer als die des VSAN, trotzdem wollen sie auch weiterhin das Brauchtum wahren und nicht jede Zunft aufnehmen. Damit grenzt sich die Fasnet eindeutig zum Karneval ab, da erstere „unter grundsätzlichem Ausschluss jeder politischen, konfessionellen und geschäftlichen Absichten“ (§1 Abs.1 der ANR Satzung) feiern möchte.

Die Popularität der Fasnet ist in den letzten Jahren rapide angestiegen, sodass auch außerhalb des Alemannischen Raums und auch jenseits allen Brauchtums Fasnet gefeiert wird, oft jedoch nur zur Hauptfasnetszeit.
Wie ich bereits angesprochen habe, gehöre auch ich zu einer Zunft, den „Burgnarren Waldburg“. Als Hästräger trägt man während der Fasnet um einiges mehr Verantwortung als der Zuschauer. Zum Beispiel steht in der Masken- und Brauchtumsordnung der Burgnarren Waldburg „Die Hästräger der Narrenzunft Burgnarren Waldburg e.V. repräsentieren im Häs für jeden sichtbar die Zunft. Sie sind verpflichtet, ihr Tun und Treiben auf die Zwecke und die traditionellen Aufgaben der Zunft auszurichten“.

Bei der Vereinsgründung 1994 lag es den Waldburgern nahe, aufgrund der wunderschönen Burg, den Burgnarren als Fasnetsfigur zu wählen. Auf den Ärmeln unseres Häs erkennt man die Fensterläden der Burg. Das Grün und Gelb wurde aus den Gemeindefarben Waldburgs übernommen. Außerdem trägt fast jeder Narr eine Pritsche bei sich, ein etwa 30 cm langer Holzstock. Der Vorstand, also der Zunftmeister, sowie Gründungsmitglieder der Zunft tragen die „Marotte“ als Narrenstock. Dies ist ein Abbild des Narr und hat ihren Sinn und Ursprung in dem Spruch „Der Narr sieht sich selber“.

Jedes Jahr wird ein neuer Pin und ein neuer Orden designt für die jeweilige Zunft. Dieses Jahr durfte ich den Pin designen, was für mich eine große Ehre war.

Ich bin schon seit meinem vierten Lebensjahr in der Zunft und bereue es nicht. Man hat zwar mehr Verantwortung und man muss aufpassen, dass man nicht zu viel trinkt, doch das Gemeinschaftsgefühl ist durch nichts zu ersetzten. Als Hästräger ist man immer in einer Gruppe, wird einfacher in jedes Zelt reingelassen und jeder andere Hästräger hilft einem in jeglichen Situationen.

Zum Abschluss wünsche ich euch jetzt eine glückselige Fasnet!

Hannah Madlener

Hannah Madlener

Aus dem schönen Schwoabaländle kam die Hannah nach Passau um irgendwas mit Medien zu studieren. In ihrer Freizeit schaut sie zu viele Serien und Filme, liest am liebsten alte Bücher und spielt leidenschaftlich gern Theater und Ukulele. Außerdem befasst sie sich hingebungsvoll mit Comics und versucht diese auch selbst zu zeichnen.

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2 Antworten

  1. Avatar Stephan Wiltsche sagt:

    Liebe Hannah, es ist schön, dass Du so ein richtig schön verruckterWaldburger Fasnetsbutz bist!
    Trotzdem bist Du mit Deiner Herkunftsgeschichte leider etwas im Abseits gelandet. Den im wissenschaftlichen Sinn „mythologischen Ansatz“, der die Fasnacht als germanisches Treiben verbrämt, ist zwar nicht genuin von den Nationalsozialisten erfunden, jedoch dankbar aufgegriffen und von ihnen propagandistisch ausgebaut worden, um alles auf die scheinbare „eigentliche“ germanische Wurzeln zurückzuführen und so das antinationalsozialistische Christentum zu überwinden. Dieser mytologische Deuteansatz ist wissenschaftlich in der europäischen Ethnologie (früher besser bekannt als Volkskunde) längst überwunden, wird aber populär ständig weiterverbreitet. Also Vorsicht vor NS-Ideologie! Es mag einem gefallen oder nicht, die Ergebnisse aller Untersuchungen zeigen eindeutig: Die Fasnacht kommt in ihrem Innersten aus dem Kontext des Christentums. Teufelsmasken als Schlüsselfiguren der Fasnacht beispielsweise kommen aus den Theaterfundi der beinahe überall verbereiteten Mysterienspielen des Mittelalters mit ihrer Theologie des Augustinus von Hippo und seiner dualistischen Welt des Gottesreiches gegen das des Teufels (civitas diaboli). Diese Häser (mit denen man etwa den Abstieg Jesu in die Todes-Unterwelt regelrecht theadralisch spielte) wurden vor der Fastenzeit selbstverständlich von der forschen, meist männlichen Jugend zum Umtreiben benutzt. Wegen des Umtreibens und oft sittlich zweifelhaften Verhaltens der Fasneter hat die Kirche dieses Treiben immer auch kritisch gesehen und oft gegen zu heftiges Ausüben angekämpft. Für all das gibt es jedenfalls beste Belege, jedoch für die scheinbar ins Germanische zurückreichenden Vorstellungen keinerlei. Im Übrigen sind auch Fasnet und Karneval gar nicht so weit auseinander, wie es manche traditionalistischen Brauchtumsträger der schwäbisch-allemannischen Fasnet das gerne hätte. Aber lassen wir es hier bewenden. Falls Du weiter, umfassendere Information brauchst, möchte ich Dir als ernsthafte Einstiegsgsliteratur in das Thema das Buch des „Fasnachtspapstes“ und echten Brauchtums-Kenners Prof. Dr. Werner Mezger empfehlen: „Das große Buch der schwäbisch allemannischen Fasnet“.
    Dir in jedem Falle eine glückseelige Fasnet! Jedem zur Freud, niemand zu Leid!
    Stephan Wiltsche
    Liebe Hannah Ich hoffe dennoch, du hast

    • Hallo Herr Wiltsche,
      Vielen Dank für Ihr Kommentar, ich habe mich sehr gefreut!
      Leider habe ich nicht besonders viel Zeit wegen der Hauptfasnet, möchte Ihnen dennoch gerne antworten.

      Tatsächlich kann ich mich in meinem Artikel nur auf Internetquellen (War vielleicht keine gute Idee) und auf Aussagen und Schriftstücke von Hästrägern und Brauchtumspflegern beziehen. Selbst habe ich auch gelesen, dass es nicht viele Beweise für die germanische Herkunft gibt, jedoch ist dies der Glauben fast jedes Hästrägers, weswegen ich es auf jedenfall erwähnen wollte. Dass dies von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurde und fälschlicherweise verbreitet wurde, wusste ich nicht, hatte dies auch nirgendwo gelesen, hört sich aber sehr plausibel an. Da habe ich wohl auf jeden Fall einen Fehler gemacht, vielen Dank!

      Beim zweiten Teil Ihrer Nachricht bin ich etwas verwirrt. Meinen Sie hier auch die Feste vor der Fastenzeit, in denen die verderblichen Lebensmittel aufgebraucht wurden oder gibt es einen ganz anderen christlichen Ursprung?
      Denn, dass diese Feste christlicher Natur waren, hatte ich, denke ich, schon erwähnt in meinem Artikel. Die Herkunft der Häser hatte ich so auch nirgendwo gelesen. Sehr interessant!
      Ich werde mich wohl in nächster Zeit ausgiebiger mit dem Thema befassen.

      Ich wünsche Ihnen auch einen glückselige Fasnet!
      Hannah Madlener.

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