„We’re all born naked and the rest is drag“ – RuPaul’s Drag Race

Ich war mir zuerst nicht sicher, ob ich für diesen Artikel überhaupt qualifiziert bin. Erstens habe ich (leider!!!) nur die vier Staffeln von RuPaul’s Drag Race gesehen, die auf Netflix sind, und zweitens habe ich außerhalb der Serie sehr wenig Ahnung von der Drag-Szene. Ich habe also sicher einen anderen Blick darauf als jemand mit anderen Erfahrungen, ich würde mich also freuen, wenn ihr euren eigenen Standpunkt in den Kommentaren mit mir teilt 😉. Aber letztendlich hat meine Begeisterung für die Serie gewonnen und ich muss sie euch hier einfach empfehlen. Vorab will ich mich noch für die vielen Anglizismen entschuldigen, ich schaue die Serie nur auf Englisch 😉

Quelle: http://newscult.com/rupauls-drag-race-stars-season-2-trailer-twists-drama-amidst-eleganza/

 

Die Basics

Ein bisschen Vorwissen schadet für die Serie nicht: Drag Queens sind (für gewöhnlich) Männer, die in künstlerischer Absicht in eine Frauenrolle schlüpfen, sowohl was Aussehen als auch was Verhalten betrifft. Es wird häufig auf extreme Feminität abgezielt, beispielsweise durch übertriebenes Make-up. Dadurch können aber auch Stereotypen infrage gestellt werden. Drag Queens versuchen nicht einfach, als Frau durchzugehen, sondern verkörpern eine bestimmte Figur, die einen eigenen Namen hat und meist auch bestimmte Charakteristika. Die Spannweite reicht von Personen, die ab und zu Drag ausprobieren, bis hin zu Profis, die damit ihr Geld verdienen. Eine ausführlichere Erklärung findet ihr z.B. hier

 

Die Serie

Bisher gibt es 10 Staffeln der Serie (davon Staffel 7 bis 10 auf Netflix) sowie zwei Spin-Offs. RuPaul’s Drag Race (ein Wortspiel mit „drag race“, einer Art von Autorennen) ist letztendlich eine Reality-TV-Casting-Show, in der RuPaul (selbst eine Drag Queen) Amerikas nächsten Drag-Superstar sucht.  Dabei müssen die Teilnehmenden in jeder Folge zunächst eine Mini-Challenge bestehen, was z.B. ein Fotoshooting oder eine Performance mit sehr kurzer Vorbereitungszeit sein kann, aber auch eine völlig verrückte Aufgabe. Darauf folgt die Maxi Challenge. Die Teilnehmenden müssen unter anderem erfolgreich Outfits designen und kreieren (auch oft mit ungewöhnlichen Materialien), tanzen, singen, sich selbst präsentieren oder humorvoll unterhalten. Zur Maxi Challenge gehört auch immer ein Runway Walk, der für gewöhnlich unter einem ähnlichen Motto wie die Challenge steht. Um euch eine bessere Vorstellung zu geben, hier ein Beispiel aus der 7. Staffel: In der Mini-Challenge mussten sich die Teilnehmenden innerhalb von 15 Minuten in „Granny-Drag“ werfen und dann einen dazu passenden Tanz abliefern. In der Maxi-Challenge mussten die Drag Queens dann in zwei Shakespeare-Parodien („MacBitch“ und „Romy and Juliet“) ihr Schauspiel-Talent beweisen und dann noch einen Runway-Look zum Thema „Bearded and Beautiful“ abliefern.

So können Runway-Looks bei RuPaul’s Drag Race aussehen:

 

Im Anschluss an den Runway Walk diskutiert die Jury, RuPaul verkündet den Gewinner der Challenge und die zwei Schlechtesten. Diese müssen dann in einem (oft epischen) Lip-Sync-Battle gegeneinander antreten, um zu bestimmen, wer die Show in dieser Folge verlassen muss.

 

Warum liebe ich RuPaul’s Drag Race?

Ganz allgemein kann ich sagen, dass die Serie bei mir einfach ein gutes Gefühl hinterlässt. Es gibt ein paar Serien, die mich immer aufheitern, wenn ich schlecht gelaunt oder krank bin, und RuPaul’s Drag Race gehört definitiv dazu. Dazu trägt sicher bei, dass im Vergleich zu anderen Reality- oder Casting-Shows (ich denke z.B. an Germany’s Next Topmodel, was ich in meiner Jugend noch verfolgt habe) eine positive Stimmung unter den Kandidaten herrscht. Beispielsweise unterhalten sie sich immer beim Schminken und sprechen auch über ihre Vergangenheit oder ihre Familie, manchmal helfen sie sich aber sogar gegenseitig oder geben sich Tipps. Natürlich ist es immer noch ein Wettbewerb, aber statt sich einfach nur zu beleidigen oder persönlich anzugreifen, kritisieren die Teilnehmenden tendenziell eher das Können als die Persönlichkeit, also z.B. die mangelhafte Ausführung eines Designs oder eine schlecht einstudierte Choreographie. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, aber in der Serie steht allgemein deutlich weniger das Drama im Vordergrund, der Fokus liegt vielmehr auf den Challenges und den Outfits. Ich liebe ja bekanntlich auch Mottos, deswegen finde ich die dauernd wechselnden Themen auch sehr spannend und es ist tatsächlich auch sehr interessant, die Transformation der Drag Queens zu beobachten. Dadurch und durch die verkörperten Figuren ist eine gewisse Nähe zum Theater sichtbar. Die Outfits sind oft regelrechte Kunst und gehen weit über „feminine Kleidung“ hinaus, sodass es in fast jeder Folge ein paar „Wow-Momente“ gibt. Die Drag Queens versuchen sich gegenseitig auszustechen und tragen häufig knallige Farben oder ungewöhnliche Kleidungsstücke, wodurch ich die ganze Serie immer mit lebhaften Farben verbinde.

Quelle: https://www.abc.net.au/news/2018-06-28/rupauls-drag-race-season-ten-queens/9916760

Von der positiven Stimmung zwischen den Teilnehmenden abgesehen vermittelt die Serie auch allgemein ein positives Selbstbild. RuPaul beendet in diesem Sinne jede Folge mit dem Spruch: “If you can’t love yourself, how in the hell you gonna love somebody else?” Indvidualität und Andersartigkeit wird großgeschrieben, wobei die Andersartigkeit nicht zum Ausschluss führt, sondern eine eigene Community entsteht. In dieser Hinsicht erinnert mich die Serie ein bisschen an „Glee“, auch wenn die Ähnlichkeit nicht viel weiter reicht. Ich könnte mir vorstellen, dass dementsprechend vor allem für Jugendliche (natürlich auch Erwachsene), die sich als Außenseiter fühlen – sei es nun, weil sie selbst eine Schwäche für Drag haben, sie homosexuell sind, oder sie sich aus sonstigen Gründen als „anders“ sehen – RuPaul’s Drag Race eine Bestätigung darstellen kann. Darüber hinaus eröffnet das Fandom die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen, die offen sind und Individualität wertschätzen. Davon abgesehen wird die Drag-Kultur und auch Homosexualität, die in der Serie häufig angesprochen wird,  durch die große Beliebtheit der Serie (zumindest in den USA, aber immer mehr auch hier) ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geholt und als normal gezeigt, was letztendlich hoffentlich dazu beiträgt, dass man sich irgendwann nicht mehr als „anders“ wahrnehmen muss.

Aber gehen wir wieder ein wenig an die Oberfläche: RuPaul’s Drag Race ist auch einfach wahnsinnig witzig. Manchmal hatte ich schon den Verdacht, RuPaul dreht die Serie nur, um so viele Wortspiele wie möglich loszuwerden. Außerdem hat die Serie unglaubliches Kult-Potential. Sie ist quasi ein einziges Meme – und damit meine ich nicht nur, dass sie unglaublich viele nützliche Gifs produziert, sondern die Serie referenziert sich ständig selbst und macht sich auch dauernd über sich selbst lustig. Ohne große Absichten geäußerte Sätze werden sehr schnell ins sich wiederholende Repertoire der Serie aufgenommen, wobei es hier auch bei jeder Staffel Highlights gibt (z.B. „Miss Vanjie“ in der 10. Staffel). Auf einen Unbeteiligten wirkt die Serie wahrscheinlich exzentrisch und verrückt und das ist sie auch, aber auf eine positive und äußerst unterhaltsame Art und Weise.

Eigentlich hätte ich noch viel mehr zu sagen: Ich hätte durchaus auch Kritikpunkte anzubringen (z.B. die halbnackte männliche Pit Crew und vielleicht auch der Umgang mit weiblichen Stereotypen). Und allein über die ikonischen Phrasen der Serie (z.B. „Eleganza Extravaganza“) könnte man noch ewig schreiben. Aber wer will das schon alles lesen? 😀 Schaut euch die Serie einfach an, und wenn ihr dann darüber diskutieren wollt, bin ich jederzeit zu einem Treffen bereit 😉 Und wenn ihr wie ich schon sehnsüchtig darauf wartet, dass Netflix auch die anderen Staffeln ins Programm nimmt, möchte ich euch auf diese Petition aufmerksam machen.

Shantay, you stay, RuPaul’s Drag Race!

Sandra Kalhofer

Sandra Kalhofer

Sandra liebt Sprachen und arbeitet gerne mit Kindern, deshalb studiert sie Lehramt Gymnasium mit den Fächern Englisch und Französisch. Ihre Liebe zum Schauspielern hat sie schon in der 5. Klasse entdeckt und die hat sie auch zur KultLaute-Theatergruppe gebracht. Außerdem hat Sandra scheinbar viel zu viel Zeit, deswegen macht sie auch bei allen möglichen Gruppen und Projekten mit. Für KultLaute opfert sie aber besonders gerne ihre Freizeit.

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